Oma muss ins Heim

So finden Sie ein gutes!

Niemandem in der Familie fällt es leicht, die Entscheidung für die Unterbringung von Vater oder Mutter in einem Pflegeheim zu treffen. Wenn alte Menschen so pflegebedürftig sind, dass sie in einem Heim besser aufgehoben sind als zu Hause, fühlen sich die Angehörigen oft wie vor den Kopf gestoßen. Viele Fragen kommen auf, und die Zeit, um alles bestmöglich zu regeln, ist meist knapp.

Aber die Erfahrung von vielen, die diese Situation bewältigt haben, zeigt: Wenn man sich bei der Suche nach dem Pflegeheim genügend Informationen beschafft und auf wichtige Auswahlkriterien achtet, kann jeder ein Heim finden, in dem der Pflegebedürftige nicht nur "untergebracht", sondern gut aufgehoben ist und sich wohl fühlt. Plusminus gibt dazu Tipps.

Der erste Schritt: Informieren

Eine erste Anlaufstelle ist die Krankenkasse des Pflegebedürftigen, denn die Pflegekassen sind an die gesetzlichen Krankenkassen angeschlossen. Dort können Interessierte Informationsmaterial und Listen von Pflegeheimen mit Preisvergleichen anfordern.

Weitere mögliche Anlaufstellen:

  • Sozialdienste der Krankenhäuser. Diese beraten meist dann, wenn die Pflegebedürftigkeit aus einer akuten Erkrankung oder einem Sturz heraus entsteht, der im Krankenhaus behandelt werden muss.
  • Seniorenbeiräte (gewählte Seniorenvertretungen). Diese gibt es auf Ebene der Kommunen, der Kreise und der Bundesländer. Der Vorteil: Sie kennen sich in der Region aus und können an geeignete unabhängige Beratungsstellen vor Ort verweisen.
  • Sozialämter und/oder Altenhilfeabteilungen der Kommunen. Sie beraten und haben oft kostenlose Informationsbroschüren.
  • Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland: Diese ist mit 22 Beratungsstellen in ganz Deutschland vertreten und betreibt außerdem eine telefonische Hotline (01803-11 77 22, für neun Cent pro Minute).
  • Das bundesweite Pflegetelefon der Verbraucherzentralen und des BKK Bundesverbandes: Es gibt drei verschiedenen Telefonnummern zu den Themen  "Vorsorgevollmacht, Betreuungs- und Patientenverfügung" (01803-77 05 001),      "Heim- und Pflegevertragsberatung" (01803-77 05 002), "Alternative Wohnformen" (01803-77 05 003 - alle für neun Cent pro Minute). Unter allen drei Nummern besteht die Möglichkeit, sich Informationen zum Themenkomplex Unterhaltspflicht und Sozialhilfe im Pflegefall zuschicken zu lassen.
  • Die Deutsche Alzheimergesellschaft: Sie bietet spezielle Informationen rund um das Thema Demenz. Auch sie ist über eine Hotline zu erreichen (01803-17 10 17 für neun Cent pro Minute).
  • Verbände der freien Wohlfahrtspflege und Verbände privater Pflegeheime: Hier können sich Ratsuchende Listen von Pflegeheimen zuschicken lassen.

Angehörige müssen sich allerdings darüber im Klaren sein, dass Beratungsstellen, die selbst Pflegeheime betreiben, nicht unabhängig sind. Das soll nicht heißen, dass die Beratung nicht gut ist. Deshalb im Zweifelsfall immer nachfragen.

Häufig ist es auch hilfreich, im Bekanntenkreis zu fragen, mit welchen Beratungsstellen oder Pflegeheimen gute Erfahrungen gemacht wurden. Generell gilt: Wer auf mehrere, möglichst unabhängige Beratungsstellen zurückgreift, ist auf der sicheren Seite.

Der zweite Schritt: Finanzieren

Besonders wichtig: Rechtzeitig den Antrag auf Pflegestufe, das heißt auf Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung, stellen. Das macht man bei der Pflegekasse. Die Leistungen der Pflegeversicherung werden nicht rückwirkend gezahlt, sondern frühestens ab dem Tag der Antragsstellung. Um den Hilfe- und Pflegebedarf einzustufen, besucht ein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) den Pflegebedürftigen und seine Angehörigen. Auf der Grundlage dieser MDK-Empfehlung trifft die Pflegekasse ihre Entscheidung auf Einstufung in eine Pflegestufe - und damit auf monatliche Zahlungen.

Sonderfall Demenz: Da die Einstufung des MDK aufgrund des Hilfe- und Pflegebedarfs in den Bereichen Mobilität, Ernährung und Körperpflege erfolgt, ist es für Demenzkranke häufig schwierig, eine Einstufung in eine Pflegestufe zu erreichen. Denn körperlich sind sie oft noch fit. Auch wenn die anstehende Pflegereform verabschiedet wird, wird das nicht einfacher werden.
Speziell für Demenzkranke soll sich nach dem Willen der Großen Koalition Folgendes ändern: Der "zusätzliche Betrag für Menschen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz" steigt von bisher 460 auf bis zu 2400 Euro im Jahr. Er ist für die ambulante Pflege bestimmt, zum Beispiel für Betreuungsgruppen. Diese Leistung soll man jetzt auch erhalten können, wenn der Pflegebedürftige zwar dement ist, aber keine Pflegestufe bekommt. Für die stationäre Pflege von Dementen erwarten Experten dagegen keine Verbesserung.
Tipp für Angehörige: Lassen Sie sich vor der Einstufung unbedingt von einer erfahrenen Einrichtung beraten (beispielsweise Alzheimer-Gesellschaft), wie sie den Hilfebedarf gegenüber dem MDK dokumentieren und begründen können.

Aber die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nicht die kompletten Heimkosten, denn sie ist nicht als Vollversicherung, sondern als Teilkaskoversicherung angelegt. Der Eigenanteil an den Pflegeheimkosten ist hoch. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag dieser Eigenanteil Ende 2005 durchschnittlich bei rund 1.300 Euro im Monat. Dieser Betrag variiert allerdings von Fall zu Fall: Er hängt davon ab, in welcher Pflegestufe der Heimbewohner eingestuft ist, und wie teuer das jeweilige Pflegeheim ist. Den Eigenanteil muss der Pflegebedürftige zunächst aus Rente, sonstigen Einkünften (wenn vorhanden) und seinem Vermögen bestreiten. Wenn das nicht gelingt, besteht in einigen Bundesländern die Möglichkeit, ein Pflegewohngeld zu beantragen. Außerdem kann bundesweit "Hilfe zur Pflege" als eine Leistung der Sozialhilfe beantragt werden. Bei der Sozialhilfe gilt ebenfalls: Sie wird frühestens ab dem Datum des Antrags gezahlt.

Sozialhilfe kann nur dann in Anspruch genommen werden, wenn das eigene Einkommen und Vermögen des Pflegebedürftigen und das des Ehepartners nicht ausreichen. Außerdem prüft die Behörde, ob unterhaltspflichtige Kinder zahlen müssen.

Der dritte Schritt: Auswählen

Es lohnt sich, nicht gleich das erstbeste Heim zu wählen, sondern mehrere Häuser zu vergleichen. Angehörige und Beratungsstellen berichten immer wieder, dass bei fast gleichen Preisen Welten zwischen den verschiedenen Pflegeheimen in Atmosphäre und Leistung liegen können.

Ein Tipp aus der Praxis: Die Pflegeheime zunächst unangemeldet besuchen und nur auf die Atmosphäre achten. Wie geht das Personal mit den Bewohnern um? Wie geht das Personal miteinander um? Herrscht eine entspannte Atmosphäre? Riecht es angenehm? Sehen die Bewohner gepflegt aus? Kann man sich vorstellen, dass Vater oder Mutter sich dort wohlfühlen? Wenn dieser erste Eindruck positiv ist, kommt das Haus in die engere Wahl und wird ein zweites Mal mit Anmeldung und gemeinsam mit dem pflegebedürftigen Angehörigen besucht. Zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu dem ersten, unangemeldeten Besuch, stimmt etwas nicht!
In vielen Informationsbroschüren finden sich Checklisten, die bei der Heimauswahl helfen. Aus denen können sich Interessierte die persönlich wichtigsten Punkte herauspicken, um bei der Besichtigung nichts zu vergessen.

Einige Auswahlkriterien:

Entfernung

Um den Umkreis festzulegen, innerhalb dessen man ein Heim sucht, gibt es verschiedene Punkte zu bedenken. Zum einen sollte das Haus so dicht am eigenen Wohnort gelegen sein, dass man den Angehörigen häufig besuchen kann. Zum anderen ist es für den Pflegebedürftigen auch schön, wenn Freunde und Bekannte aus dem langjährigen Umfeld zu Besuch kommen können, und man Ausflüge in die gewohnte Umgebung machen kann.

Erfahrene Angehörige geben zu bedenken, dass die Fahrt zum Pflegeheim und wieder zurück eine wertvolle Zeit sein kann, um sich auf den Besuch seelisch vorzubereiten oder ihn hinterher noch einmal Revue passieren zu lassen. Daher muss das Pflegeheim nicht unbedingt direkt um die Ecke liegen.

Spezialisierung

Für Demenzkranke ist es wichtig, in einem Heim zu wohnen, das auf dieses Krankheitsbild spezialisiert ist. Das können Häuser sein, in denen ausschließlich Demenzkranke wohnen - oder gemischte Pflegeheime. Es gibt verschiedene Betreuungskonzepte für demente Menschen in Alten- und Pflegeheimen.

Beschäftigung und Mobilisierung

Heime sollen keine Aufbewahrungsanstalten sein, in denen es nur um die körperliche Pflege geht. Die Bewohner müssen beschäftigt und gefordert werden. Einen wichtigen Hinweis auf die Beschäftigungsangebote liefert eine Übersicht über das wöchentliche Freizeitprogramm eines Heimes. Wichtig sind aber auch die Dinge, die sich im täglichen Leben widerspiegeln: Stehen Spiele auf dem Tisch? Wird sich mit den Bewohnern beschäftigt? Werden sie mobilisiert und motiviert - oder kümmert sich keiner darum, ob sie Tag für Tag auf ihren Zimmern bleiben? Findet aktivierende Pflege statt - oder wird den Bewohnern möglichst viel abgenommen, weil das für die Pflegekräfte schneller geht?
Diese Dinge können Interessierte zum einen bei einem Besuch beobachten und zum anderen bei der Heimleitung erfragen.

Zimmer

Die Größe der Zimmer ist die eine Sache. Viel wichtiger aber ist aus Angehörigen-Sicht, ob das Zimmer wohnlich gestaltet werden kann. Darf der Pflegebedürftige eigene Möbel mitbringen oder haben die Zimmer eher einen nüchternen Krankenhauscharakter?

Essen

Hat das Heim eine eigene Küche oder kommt das Essen aus einer Fernküche? Fernküchen müssen nicht schlecht sein. Allerdings ist es mit einer eigener Küche einfacher, auf Wünsche und Rückmeldungen der Heimbewohner einzugehen.

Weitere Kriterien: Ist das Essen abwechslungsreich? Gibt es Obst und Gemüse als Zwischenmahlzeit? Und wird das Essen altersgerecht zubereitet?

Ein Tipp: In der Regel sind Probe-Mahlzeiten möglich.

Gespräche

Zu einem Besuch gehört natürlich auch ein Gespräch mit der Heimleitung. Interessierte sollten alles klären, was sie wissen wollen. Eine weitere Möglichkeit, sich über ein Haus zu informieren, ist ein Gespräch mit dem Heimbeirat, der gewählten Vertretung der Heimbewohner. Der Heimbeirat besteht in der Mehrzahl aus den Bewohnern, aber auch aus Angehörigen oder Vertrauenspersonen der Bewohner, Betreuern oder Mitglieder von örtlichen Senioren-Vertretungen. Die kennen die Situation aus der Praxis und sind gute Ansprechpartner.

Fazit

Welche Kriterien im Einzelnen bei der Auswahl des richtigen Pflegeheimes berücksichtigt werden, muss jeder für sich entscheiden. Das 100-Prozent perfekte Heim gibt es wohl nicht. Aber ein Pflegeheim zu finden, in dem Vater oder Mutter sich wohl fühlen - das geht.

Diese Informationen sind lediglich erste Tipps und Anregungen. Sie erheben selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn jemand in die Situation gerät, dass ein Angehöriger ins Pflegeheim muss, sollte er sich unbedingt von den einschlägigen Beratungsstellen beraten lassen.


Ihr Palliativmediziner

Dr. med. Matthias Hempel
Dr. med. Matthias Hempel